Singende Schneidermeisterin

Die in der Friedberger Schneiderei von Margit Hummel versammelten Trachten erzählen auch Lebensgeschichte. Da ist die erste Tracht, die sie als 15-jährige Schülerin genäht und mit aus Nähfaden gehäkelter Spitze verziert hat. Von Andreas Schmidt

Friedberg. Die in der Friedberger Schneiderei von Margit Hummel versammelten Trachten erzählen auch Lebensgeschichte. Da ist die erste Tracht, die sie als 15-jährige Schülerin genäht und mit aus Nähfaden gehäkelter Spitze verziert hat. Das Mieder vom Gesellenstück fehlt ebensowenig wie Rock und Schürze von der Hochzeitstracht oder ein vornehmes Gewand für das Friedberger Altstadtfest.

Doch die meisten Trachten von Margit Hummel sind für andere bestimmt – so wie diejenige, die zuvor eine junge Posaunistin des Kolping-Blasorchesters aus Göggingen anprobiert hat. Wie für eine Modenschau ist das Gewand aufgereiht, sodass in der Schneiderei ausnahmsweise kaum ein Durchkommen ist. Dies liegt an Fernsehaufnahmen, die zuvor für das Lifestyle-Magazin „laVita“ des Bayerischen Fernsehens (BR) stattgefunden haben. Der BR hat sich Margit Hummel als Spezialistin für schwäbische Trachten ausgeguckt. Grund dafür war, dass die Friedbergerin Kurse in der schwäbischen Trachtenberatungsstelle in Krumbach gibt. Bei ihr lernen Anfängerinnen, aber auch Schneidermeisterinnen an mehreren Kurstagen, wie Mieder, Rock und Schürze genäht werden.

Das Fernsehteam drehte insgesamt zwei Tage lang zuerst in Friedberg, dann in Krumbach – zusammen etwa zehn Stunden lang. Die Schneidermeisterin staunte, welcher Aufwand für einen etwa fünfminütigen Beitrag betrieben wird. Eine Nebenrolle spielte beispielsweise auch die Friedberger Wallfahrtskirche Herrgottsruh, die Margit Hummel von ihrer Schneiderei aus im Blickfeld hat. Das Fernsehteam filmte umgekehrt von draußen, wie sich die Kirche im Fenster spiegelt und dann hinein zu der arbeitenden Schneiderin. Tatsächlich gibt es eine Verbindung zwischen den Trachten und der Wallfahrt. Votivtafeln in Herrgottsruh seien eine wichtige Quelle, weil darauf Alltagsszenen mit Trachten abgebildet sind, erklärt Margit Hummel.

Auch beim Packen für den Nähkurs wurde sie in ihrem Friedberger Haus gefilmt, ebenso wie im Auto auf dem Weg nach Krumbach. Warum sie dabei am Steuer singend aufgenommen wurde, hat eine besondere Bewandtnis. Denn die Trachtenfachfrau ist auch noch Theologiestudentin. Vor Kurzem hat sie ihre Diplomarbeit über die „heilsame Dimension des liturgischen Singens“ abgegeben. Singen müsse man auch unter dem Aspekt der Gesundheitsvorsorge sehen, so die Friedbergerin. „Die Kirche ist der letzte Ort, wo man einfach hingehen und mitsingen kann“, sagt Margit Hummel.

Auf der Straße werde jedenfalls kaum noch gesungen. Dass Singen im Alltag wieder salonfähig wird, würde sich die Friedbergerin wünschen. Bei der Fernsehaufzeichnung ging sie mit gutem Beispiel voran und sang – wie sie sagt „frisch von der Leber weg“ – das schwäbische Volkslied „Es wollt ein Schneider wandern“. Weil es das Fernsehen genau nimmt, wurde dies vielfach wiederholt. Margit Hummel schätzt, dass sie die Landstraße zwischen Gessertshausen und Ustersbach etwa zehnmal singend gefahren ist.

Mehr noch als der Gesang steht aber die Kleidung im Mittelpunkt. Nachdem die 15-jährige Margit ihre erste Tracht nach einem Vorbild beim Augsburger Volkstanzkreis genäht hatte, konnte sie nicht ahnen, was da noch alles folgen würde. Die damalige Schülerin gewann gleich mit ihrer Trachtenpremiere einen Hobbyschneider-Wettbewerb. Und als Lehrling begeisterte die Friedbergerin auch ihre Meisterin für Trachten. Richtig mitgezählt hat Margit Hummel zwar nicht. Sie schätzt aber, dass sie mittlerweile etwa 200 bis 250 Leute traditionell eingekleidet hat – darunter auch seit vielen Jahren sogar ganze Musikkapellen.

Das frühere Friedberger Stadtratsmitglied – in der Amtsperiode 2002 bis 2008 – hat sich viel Wissen angeeignet über die schwäbische Tracht. So zeigt sie beispielsweise einen wattierten Unterrock, wie er im Ries üblich war. Dieser feste „Wattrock“ sorgte nicht nur untenherum für eine schöne gleichmäßige Figur, sondern wirkte auch wie eine Klimakammer. Frauen wussten halt früher schon, was schick ist und sich gleichzeitig angenehm tragen lässt.

Gesendet wird der Beitrag über Margit Hummel im „laVita“-Magazin des Bayerischen Fernsehens voraussichtlich am Donnerstag, 18. Februar, ab 19 Uhr.

Text Schmidt Andreas